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"Adul was?" Warum Tanzschaffende von Adultismus gehört haben sollten

In diesem Beitrag "Adul was?" beschäftigen sich Ute und Johanna mit dem Thema Adultismus und warum es so wichtig ist, dass sich Tanzvermittler:innen damit auseinandersetzen.


"Wir kennen das Kind nicht, schlimmer noch, wir kennen es aus Vorurteilen." - Dieses Zitat von Janusz Korczak verdeutlicht eindrucksvoll, dass Erwachsene oft vorgefasste Meinungen über Kinder haben, ohne sie wirklich zu verstehen. Auf der Fachtagung Blickpunkt zum Thema "Perspektiven für den Tanz in der frühkindlichen Bildung" im April 23 fiel in einem Vortrag der Begriff Adultismus. Da tauchten in vielen Gesichtern Fragezeichen auf: "Aldu was?". Schnell wurde klar, dass Tanzschaffende sich mit dem Thema auseinandersetzen sollten, da Adultismus auf subtile Vorurteile und Stereotypen hinweist, die gegenüber Kindern bestehen können - auch in der Tanzwelt. Daher widmet sich dieser Blogbeitrag dem Thema Adultismus und seiner Relevanz für Tanzvermittler:innen.


Adultismus ist ein Begriff, der die Diskriminierung von Kindern aufgrund ihres Alters beschreibt. Er bezieht sich auf die Abwertung von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene aufgrund der Annahme, dass Erwachsene wegen ihres Alters überlegen oder kompetenter sind. Adultismus bezeichnet das bestehende Machtgefälle und die Machtungleichheit zwischen Erwachsenen und Kindern. Er kann auch innerhalb der Gemeinschaft der Kinder auftreten, insbesondere zwischen älteren und jüngeren Kindern.

Die Auswirkungen von Adultismus können weitreichend sein. Kinder, die von Erwachsenen aufgrund ihres Alters diskriminiert werden, können im späteren Leben anfälliger für andere Formen der Diskriminierung wie Rassismus und Sexismus sein. Dies geschieht, weil sie schon früh erfahren, wie es ist, aufgrund eines bestimmten Merkmals (in diesem Fall des Alters) herabgesetzt zu werden, und dies kann ihre Fähigkeit beeinflussen, sich selbstbewusst und selbstsicher in der Gesellschaft zu bewegen.


Genau das Gegenteil wollen wir mit Tanz in der frühkindlichen Bildung erreichen, denn Tanz hat das Potenzial, das Selbstvertrauen zu stärken und die Ausdrucksfähigkeit zu fördern. Adultismus kann diese positiven Effekte jedoch beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wann wir uns - unbemerkt - über die Kinder stellen und welche Auswirkungen dies auf die Kinder hat. Wir sollten offen sein für die Einzigartigkeit jedes Kindes und seine individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten ernst nehmen. Adultismus kann das Potenzial junger Tänzerinnen und Tänzer untergraben, daher ist große Sensibilität wünschenswert. Ein Beispiel für Adultismus wäre, einfach einem Kind über den Kopf streichen - würden wir das bei einem Erwachsenen tun? Oder: Der Tonfall der Tanzvermittler:in ändert sich, wenn sie mit Kindern spricht. Die Stimme wird höher, die Wortwahl und der Duktus werden “kindlich”. Das Kind erfährt durch diese Ansprache, ich werde nicht ernst und für voll genommen, ich werde als “klein und nicht vollwertig” gesehen. Adultismus ist, wenn Regeln für Kinder, nicht aber für Erwachsene gelten: Alle Kinder sollen barfuß tanzen, aber die Tanzvermittler:in trägt Tanzschuhe, oder nur die Tanzvermittlerin darf während der Stunde Wasser trinken oder ein Bonbon lutschen. Es gibt sicherlich viele Kleinigkeiten, auch im Tanzunterricht, bei denen wir unbewusst adultistisch handeln. Manches kann durch Erklärungen aufgelöst werden: Die Tanzvermittler:in trägt Schuhe, weil sie eine Verletzung am Fuß hat, oder wegen ihrer Heiserkeit trinkt sie und lutscht Hustenbonbons. Dann nimmt sie die Kinder ernst und stellt sich nicht über sie. Es ist wichtig, die Gründe für bestimmte Regeln und Verhaltensweisen zu kommunizieren, um Missverständnisse zu vermeiden und Vertrauen aufzubauen. In diesem Zusammenhang können die folgenden Fragen in der Arbeit mit den Jüngsten die Reflexion unterstützend (vgl. Ritz 2008a, 133f.):

  • Dient die jeweilige Regel der eigenen Bequemlichkeit?

  • Soll mit ihr die Überlegenheit Erwachsener demonstriert werden?

  • Soll ein Machtkampf dem Kind seine Machtlosigkeit verdeutlichen?

  • Oder dient eine Regel wirklich dem Schutz des Kindes?

Um Adultismus zu reduzieren, empfiehlt Wright unter anderem (2008):

  • Suche den Blickkontakt mit Kindern und schenke ihnen deine volle Aufmerksamkeit. Erkenne sie, wenn du ihnen begegnest, und beziehe sie in deine Gespräche mit anderen ein.

  • Achte auf die Worte, die du gegenüber Kindern benutzt. Wie vergleichen sie sich mit denen, die du in derselben Situation gegenüber Erwachsenen verwenden würdest? Verhandelst du Lösungen oder gibst du Anweisungen? Änderst du deinen Tonfall und sprichst du herablassend?

Wright zählt noch weitere Punkte auf, die dazu dienen, ein Bewusstsein für bestehende Dominanzverhältnisse zu schaffen und diese auf der Grundlage reflektierter Handlungsprinzipien zugunsten eines partizipativen Miteinanders zu verändern. Möchtest du mehr erfahren - dann hier zu Wright oder zum Themenblatt der AWO. Es ist wichtig, dass wir unser Verhalten gegenüber den Kindern beim Tanzen im Dienste der Kinder ständig hinterfragen. Welche Möglichkeiten zur aktiven Teilnahme bieten wir ihnen? Welche Fähigkeiten vermitteln wir und in welchen Momenten überschreiten wir unbewusst diskriminierende Grenzen? Auf dass beim nächsten Mal die Frage "Aldu was?" durch die klare Aussage "Aldu NO" ersetzt wird.

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